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Kolumne: Von Liebeskummer und dem Verlangen nach etwas, was nicht mehr da ist

Er greift meine Hand. Warm umschließen seine Finger meine. Um uns sind tausende von Menschen, aber ich sehe nur ihn. Nehme nur ihn wahr. Er. Ich. Wir. Wie lange gab es dieses Wir schon nicht mehr? Wie lange habe ich dieses Wir nicht mehr gespürt? 8 Monate? Ein Jahr? Länger? Ich bin wie erstarrt. Warum greift er meine Hand? Er sollte dies nicht tun. Er darf nicht. Ich darf nicht. Wir dürfen nicht. Ich schaue unsere Hände an. Ineinander verschlungen. So vertraut. Viel zu vertraut. Ich will loslassen, aber ich kann nicht. Noch einmal diesen Moment genießen. Ein wahrscheinlich letztes Mal in meinem Leben. Und in diesem Moment fühle ich, wie mein Herz in tausend Teile zerbricht.

23. JUNI, 16:00 UHR




Der Schmerz umgibt mich in der gleichen Heftigkeit wie das Gefühl von Hoffnung. Die ganze Menschenmasse drängt sich vor den Eingang, sodass wir nicht mehr nebeneinader stehen, sondern hintereinander. Seine Hand immer noch in meiner. Meine Hand in seiner. Ich starre seinen Rücken an. Vor einem Jahr standen wir hier. Vor zwei Jahren standen wir hier. Wie ein Zeitraffer, der mich fast umbringt spielen sich die Szenen vor meinen Augen ab. Es ist wie immer, nur dass wir kein Wir mehr sind. Ich bin Ich und er ist Er. Die Menschenmasse bewegt sich Zentimeter für Zentimeter vorwärts und wir mit ihnen. Innerlich bleibe ich stehen. Atme durch. Halte diesen Moment fest. Halte ihn so lange fest, bis wir vor der Security angekommen sind und er meine Hand loslässt. Und in diesem Moment fühle ich, wie mein Herz in tausend Teile zerbricht.

23.JUNI, 21:15 UHR



Es hat angefangen zu nieseln und er ist weg. Ich bin alleine mit einer Freundin. Ich habe mir vor ein paar Stunden eine Sonnenbrille von einem Typen, der vor mir stand organisiert. Die habe ich nun auf. Meine Kapuze habe ich tief ins Gesicht gezogen. Als Biffy Clyro die Bühne betritt und die ersten Töne aus den riesigen Boxen erklingen merke ich, wie sich eine Gänsehaut über meinen Körper ausbreitet. Ich wusste schon vorher, dass dieses Konzert mich töten wird. Aber warum auf einen Act dessen Songs man liebt verzichten? Trotzdem trifft mich jeder zweite Song mitten ins Herz. Bei Many of horror, Biblical und Re-arrange verkneife ich mir die meisten Tränen.

Vor etwas weniger als einem Jahr standen wir auch vor einer Open-Air Bühne. Biffy Clyro spielte. Damals bekam ich bei den gleichen Songs eine Gänsehaut. Damals fühlte ich auch mit. Jetzt fühle ich tausendmal stärker. Damals waren wir Eins. Damals, damals war es warm. Es war Mitte Juli, vor uns die Bühne und wenn wir uns umdrehten sahen wir die Sonne, wie sie rot-orange unterging und der Nacht platz machte. Jetzt wird es ganz langsam dämmrig. Ich kann die Sonne nicht sehen, weil es nieselt. Die Regentropfen, die gegen meine Sonnenbrille prasseln verschleiern mir die Sicht. Vielleicht sind es auch ein paar Tränen, die ich nicht zurückhalten kann. Ich wusste, warum ich eine Sonnenbrille brauchen werde. Im Prinzip muss ich auch gar nichts sehen. Es ist nicht von Bedeutung. Ich will auch nicht reden. Ich höre. Und ich fühle. Ich fühle, wie mein Herz in tausend Teile zerbricht.

24. Juni, 02:00 UHR



Wir sind am Ende angelangt, das spüre ich. Wir schauen uns einen Moment lang an, vielleicht auch einen Moment zu lange. Obwohl es um uns herum dunkel ist, kann ich sein Gesicht erkennen. Ich kann es deuten. Ich will schreien und weinen gleichzeitig. Ich will die Zeit zurückdrehen, oder von mir aus auch einfach vorspulen. Um ein paar Wochen, ein paar Monate oder auch ein Jahr. Ich will alles, aber nicht diesen Moment. Diesen Schmerz, den ich in meinem Inneren verspüre. Ich will ihn, aber es geht nicht. Es ist, als sei eine riesige unsichtbare Mauer um uns herum, die man nicht durchbrechen kann. „Okay“, sage ich schließlich. „Danke, dass du mich noch gebracht hast.“ Seine Antwort verschwimmt, aber seine Körperhaltung mir gegenüber nicht, was meinen Schmerz, die Mauer und das Verlangen nach ihm noch größer macht. Ich darf nicht. Er darf nicht. Wir dürfen nicht. Er nimmt mich in den Arm. Wir stehen da. Arm in Arm. Eine Sekunde verstreicht, die zweite, dritte, die siebte… Wir lösen uns voneinander. Unsere Blicke treffen sich. Wir starren uns an. Lange, zu lange. Traurig, schweigend und starr. Ich will schreien und weinen gleichzeitig. Und wieder ist es da. Das Verlangen. Dieses unfassbare Verlangen. Aber das war einmal. Unsere Zeit war und ich weiß nicht, wann sie geendet hat. Vor 8 Monaten? Vor einem Jahr? Oder schon vor viel längerer Zeit?

10 Kommentare

  1. ich liebe deine Texte! Ich hab das alles ganz genau so schonmal gespürt, hätte aber nie den Mut gehabt es genau so aufzuschreiben… ganz große LIEBE dafür!!

    Liebst,
    Alena
    lookslikeperfect.net

  2. Wow ein sehr toller Text, den hast du unfassbar gut geschrieben und deine Gefühle in Worte gepackt. Ich denke, dass fast jeder deiner Leser das nachvollziehen kann und schon einmal gespürt hat, wie ser Liebeskummer schmerzt. Ich hoffe, dass es dir mittlerweile besser geht und du das verarbeiten konntest?

    Dankeschön für dein liebes Kommentar Anna,
    Oh ja das Buch liest sich echt wunderschön weg und ein Page-Turner den man nicht aus der Hand legen kann. Glaube damit macht man gerade im Urlaub nichts falsch. Das Dinge ist halt nur, falss du die Serie noch anschauen möchtest, wirst du halt schon in Bezug auf den Handlungsstrang der ersten zwei Staffeln sehr gespoilert.

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