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Kolumne: Dating Stories Teil 3

Ich habe meine Beine ausgestreckt. Du hast langsam, so als ob ich es nicht bemerken würde, deinen Arm um mich gelegt. Vorsichtig, weil du dir unsicher bist, weil du nicht weißt, wie ich dies aufnehme, weil du nicht weißt, ob es okay für mich ist. Aber das ist es. Es ist okay, trotzdem schreit eine Stimme im Inneren, dass du es lassen solltest.
Wir haben, obwohl es 16 Uhr ist, die Jalousien etwas heruntergelassen, um das Sonnenlicht daran zu hindern, uns die Sicht auf den Fernseher zu nehmen. Das Riverdale-Fieber hat uns genauso wie viele anderen gepackt. „Wenn du mit der ersten Staffel durch bist, sag bescheid. Die Zweite müssen wir zusammengucken“, sagtest du knapp zwei Wochen zuvor, bei unserem Kennenlernen. Wenige Tage später tippte ich mit einem Grinsen: „Bin mit der ersten Staffel durch“, in mein Handy.
Ich kuschele mich langsam, so als ob du es nicht bemerken würdest, an deine Brust. Vorsichtig, weil ich mir unsicher bin, weil ich nicht weiß, wie du dies aufnimmst, weil ich nicht weiß, ob es okay für dich ist. Aber das ist es. Es fühlt sich so gut an, doch trotzdem schreit eine Stimme im Inneren, dass ich es lassen sollte.

20 Uhr

Ich ignoriere, dass ich morgen arbeiten muss. Ich ignoriere, dass ich schon seit Tagen viel zu wenig geschlafen habe. Ich ignoriere, dass ich jetzt gehen müsste. Ich ignoriere sogar Riverdale und dass ich in deinem Arm liege. Ich ignoriere deinen Geruch und dass ich dieses Gefühl von Wohlsein in deiner Nähe habe, welches ich seit fast einem Jahr nicht mehr gespürt habe. Ich ignoriere, dass ich viel zu starke Gefühle für dich habe, die ich nicht haben darf. Ich ignoriere alles, bis auf diese nervige Stimme, die mir sagt, dass ich dir bald erklären muss, dass ich so nicht weitermachen kann. Dass alles zwar schön war, aber ich nicht bereit für all das bin. Dass unser erster und bisher auch einziger Kuss von vor ein paar Tagen nichts zu bedeuten hatte.

Mein Verstand sagt mir auch, dass der Platz, der zur Zeit frei ist, nicht frei für dich ist. Dass der Platz, den ich dir allzugern geben will, für jemand anderen Frei sein muss. Dass all das, was zwischen uns passiert und passiert ist, viel zu schnell geht. So schnell, dass ich kaum meine Gedanken und Gefühle koorninieren kann und dass ich dich unmöglich noch einmal sehen kann. Ich versuche mir klarzumachen, das dies die letzten Stunden, oder Minuten sein müssen. Dass dies die ersten und letzten Stunden sind, die ich in deinem Arm verbringen werde. Und ich versuche zu genießen. Alles einzusaugen. Dieses Gefühl, welches ich bei dir habe, festzuhalten, um mich später daran erinnern zu können. Und plötzlich ist alles weg. Der Fernseher, das dunkle Wohnzimmer, die Leichtigkeit, die ich vor ein paar Stunden noch gespürt hatte, mein Bauchkribbeln, welches ich jedes Mal bei dir bekomme, deine Nähe, dein Geruch. Du. Du bist weg und mein Herz bricht, obwohl ich die Worte noch nicht ausgesprochen habe. Obwohl ich dich nicht einmal richtig kenne.

Das Bild tauscht seine Farbenfreude durch tristes Schwarz aus. Der Abspann. Wir haben die zweite Staffel beendet. Ich möchte mich nicht bewegen. Aus deinem Arm raus. Ich möchte hier noch Ewigkeiten sitzenbleiben. Denn wenn ich mich jetzt bewege, wenn ich mich jetzt von dir löse, dann war es das. Ich beobachte dich unauffällig von der Seite. Du wirkst entspannt. Glücklich. Du sagst etwas. Ich antworte dir. Gedanklich trennen uns wahrscheinlich gerade über 10.000 Kilometer. Du machst den ersten Schritt, indem du dich etwas bewegst und mich somit zwingst von deiner Brust zu lösen. Ich richte mich auf. Ich muss gehen. Ich bin nicht bereit zu Gehen, will aber trotzdem aufstehen, woran du mich hinderst, indem du mich an dich ranziehst und deine Lippen sanft auf meine drückst.

21:15 Uhr

In meinem Gehirn setzt es aus. Automatisch werden meine Lippen synchron mit deinen. Meine Gedanken werden ruhiger. Ich weiß nach wie vor, dass ich es beenden muss. Dass ich es beenden werde. Auch jetzt versuche ich alles noch einmal einzusaugen. Versuche mir einzuprägen, wie sich deine Lippen anfühlen. Wie es sich anfühlt, dich das erste Mal im nüchternen Zustand zu küssen. Wahrscheinlich ist es der beste erste nüchterne Kuss, den ich jemals hatte.Ich versuche zu verdrängen, dass ich viel zu starke Gefühle für dich habe, die ich nicht haben darf.

21:30 Uhr

„Man soll ja bekanntlich immer aufhören, wenn es am schönsten ist“, sagst du zu mir und grinst mich an, „Es ist spät, du solltest jetzt nach Hause. Du musst morgen arbeiten.“ Ja, es ist im Grunde schon viel zu spät. Ich erhebe mich etwas benommen von der ganzen Situation. „Ich bringe dich noch zur Bahn“, sagst du. Du bringst mich immer zur Bahn. Du hast mich auch das letzte Mal bis vor meine Haustür gebracht, damit mir nachts auf dem Heimweg nichts passiert. Du bringst mich immer nach Hause. Du holst mich immer ab. Immer. Immer. Immer. Du kochst für mich. Du kaufst mir meinen Lieblingswein. Du gibst mir Kuschelsocken, damit ich keine kalten Füße bekomme.

All das geht mir auf dem Weg zur Bahn durch den Kopf. Du warst auf einmal da, obwohl ich dich nie gesucht habe. Du warst auf einmal da, obwohl im Moment alles gegen einen Mann in meinem Leben spricht. Du warst auf einmal da, mit deiner unfassbaren Art und mit deinem Charakter, der zu 200% auf meinen passt. Du bist so viel mehr, als ich mir jemals hätte erhoffen können. Und ganz langsam spiele ich mit dem Gedanken, was passieren wird, wenn ich diese Gefühle, die ich für dich habe, nicht länger ignoriere. Was passieren wird, wenn ich dir nicht sage, dass ich alles beenden muss. Was passiert, wenn ich das Risiko einfach eingehe?

15 Kommentare

  1. Liebe Anna,

    Was für ein schöner Beitrag! Toll geschrieben, ich mag das mit den Uhrzeiten!

    „Du warst auf einmal da, obwohl ich dich nie gesucht habe. Du warst auf einmal da, obwohl im Moment alles gegen einen Mann in meinem Leben spricht. Du warst auf einmal da, mit deiner unfassbaren Art und mit deinem Charakter, der zu 200% auf meinen passt.“ – da krieg ich Gänsehaut, weil das genau DAS war, was mir durch den Kopf ging als ich meinen Freund vor einem Jahr kennen lernte. Es passte gar nicht in mein Leben, aber es war genau perfekt so. Und keine Entscheidung in meinem Leben war bisher besser! Also wünsche ich dir das natürlich auch, du machst das schon!

    Hab einen schönen Juli!

    Liebst,
    Alena
    lookslikeperfect.net

  2. Wirklich sehr schön geschrieben! Da konnte man sich schön rein fühlen und alle die Gedanken nachvollziehen.
    Ich mag vor allem den letzten Abschnitt sehr gern.

    Vielen lieben Dank für dein Lob zu den Fotos! 🙂
    Ich war beim Thema Mülltrennung auch total schockiert, wie wenig verbreitet das in München ist! In München… nicht in irgendwelchen seltsamen Ländern weit weg, sondern dort… das hat mich echt verwundert; das war mir nie bewusst…

  3. Dankeschön! Freut mich, dass ich dir mit Google My Maps einen guten Tipp geben konnte! Wie gesagt, das Tool bräuchte ein paar kleine Verbesserungen, aber ich mag es sehr gern bei der Planung. Und für Mitreisende ist es halt immer recht schön das alle so zu sehen. 😉
    Klingt ja spannend! Soll die Weltreise wirklich einmal ganz rum gehen? 😉

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