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Du musst deinen Mund aufmachen!

„Echt krass, wie sehr du dich verändert hast. Früher warst du immer so schüchtern. Du hast nie etwas gesagt und jetzt…“ Diese Sätze sagte im Winter ein alter Schulkamerad zu mir, mit dem ich zuletzt mit 14 Jahren ein paar Worte gewechselt habe. Ich war immer die Schüchterne, die, die ihren Mund sowieso nie aufbekommen hat, die, die nie jemand bemerkt hat. Das stille Mäuschen. Wie oft musste ich mir diesen Satz „Du musst deinen Mund mal aufbekommen!“, anhören. Aber muss ich das wirklich?

Mir wurde früher täglich gesagt, ich soll auf Menschen zugehen, ich soll meine Meinung sagen und ich soll nicht immer so schüchtern sein. Die Lehrer sagten immer, dass ich zu ruhig sei. Genauso musste ich mir Kommentare wie: Die sagt ja sowieso nie was, anhören. Ich konnte die Bezeichnung stilles Mäuschen nicht mehr hören. Genauso häufig wurde zu mir gesagt, ich solle Selbstbewusster werden. Und hier liegt der Punkt, der mich am Meisten gestört hat. Nur weil man ruhiger, als manch anderer ist, hat man nicht gleich weniger Selbstbewusstsein. Ich wusste schon damals was mir liegt und was ich lieber lassen sollte.

Im Kindergarten und später auch in meiner Schul- und Ausbildungszeit lernte ich schnell, dass nur die Extrovertierten wahrgenommen wurden. Der Rest ging unter. Ich bin immer untergegangen. Vielleicht auch deshalb, weil ich nicht so ein lautes Organ habe, wie manch anderer. Weshalb auch alle immer lauter gerufen haben, wenn ich mich mal gemeldet und etwas gesagt habe. Ich habe irgendwann akzeptiert, dass ich nie zu den Coolen gehören werde. Genauso wie ich akzeptiert habe, dass ich immer das stille Mäuschen bleiben werde.

Wir saßen im Winter also auf dem Balkon. Ich dachte über seine Gesprochenen Worte nach. Er hatte recht. Ich bin inzwischen zwar nicht unbedingt extrovertiert aber auch auf keinen Fall mehr schüchtern. Im Gegensatz zu früher habe ich kein Problem mehr damit, mich vor Menschen zu stellen und einfach drauf loszureden. Ich liebe es inzwischen sogar auf fremde Menschen zuzugehen und einfach zu quatschen, ein Bier zu trinken und verschiedene Geschichten zu hören. Ich äußere meine Meinung, wenn mir etwas nicht passt und übernehme ohne Probleme die Führung in Gruppenarbeiten.

Letztendlich weiß ich nicht, welches Ereignis dazu geführt hat, dass ich mich verändert habe. Viele werden durch ihre Ausbildung offener. Bei mir war dies nicht unbedingt der Fall. Ich lernte zwar mit fremden Menschen zu reden und lernte auch mal etwas forscher zu werden, wenn jemand unverschämt wurde, jedoch war ich innerlich immer noch das stille Mäuschen.

Ich bin immer noch nicht die Person, die in einen Raum betritt und gleich „Hey, hier bin ich!“ , schreit. Aber ich bin auch nicht mehr die, die sich in einer Ecke versteckt, um möglichst nicht aufzufallen. Und das ist okay. Und selbst wenn ich noch das schüchterne Mäuschen wäre, wäre das auch völlig in Ordnung. Man muss nicht gleich das ganze Rampenlicht auf sich ziehen. Man muss nicht immer in einer Gruppe am lautesten schreien. Es ist okay introvertiert zu sein. Genauso ist es auch okay laut zu sein. Es ist aber nicht okay Menschen zu verurteilen oder gleich in eine Schublade zu stecken, nur weil sie nicht so laut wie andere sind.

14 Kommentare

  1. soll ich dir was sagen? Diese Sätze hab ich so oft in meinem Leben gehört, mich geärgert, mich schlecht und dumm gefühlt! DU bist so wie Du bist! Und so bist du perfekt, da bin ich sicher, auch wenn ich dich nicht kenne! Lass dir nichts anderes von anderen Menschen einreden und am wenigsten rede es dir selbst ein. Jeder Mensch ist anders und das ist gut so, sonst wärs ja furchtbar langweilig.
    Leise, sensibel, vielleicht schüchtern zu sein öffnet dir so viele Türen, die andere nicht sehen. Die andere mit ihrer Lautstärke einfach übertönen. Sei froh, dass du so bist wie du bist – das ist keine Schwäche, sondern eine Stärke und andere, die das nicht sehen, sind nicht in der Lage dich beurteilen zu können… Und, dass du das Schüchtern-Sein heute überwunden, bzw zu deiner Stärke gemacht hast, ist doch toll! Sei stolz drauf!

    Fühl dich gedrückt!

    Liebst,
    Alena
    lookslikeperfect.net

  2. Was für ein toller Post liebe Anna. Ich kann deine Gedanken dazu sehr gut nachvollziehen. Ich hatte allerdings eine gegenläufige Entwicklung. Ich war früher sehr extrovertiert und habe immer jedem meine Meinung gesagt. Jetzt habe ich dazu gelernt und merke, dass man sich oft den „Stress“ sparen kann, indem man einfach ab und an nicht seinen Senf dazu gibt. Ich denke, wenn ich unsere Erfahrungen so vergleiche, dass ein gesunder Mittelweg gut ist.

    Auf der anderen Seite möchte ich nochmal unterstreichen, dass man sich von niemandem einreden lassen sollte wie man zu sein hat. Das ist einfach falsch.

    Alles Liebe und einen tollen Start in die Woche wünscht Miri
    http://www.meetmiri.com

  3. Eva

    Wie gut ich mich mit dem Text identifizieren kann.
    Bis heute bin ich im Büro Eva – die ab und an mal einen krassen Spruch fallen lässt aber das wars dann wieder für die Woche.
    Bei meinen Freunden bin ich Eva – die Brüllkanone, keiner ist vor mir und meinen Sprüchen sicher.

    Irgendwie schaffe ich es nicht, mich auch im Arbeitsalltag aus dem Schatten meines stillen Azubi-Ichs zu befreien also ich verstehe dich komplett.

    Ich weiß noch, wie mich damals in der Schule mit 16 die Lehrerin zu sich holte, weil ich auf einmal so auffiel, viel redete, mich damit aber auch viel einsetzte. Ich erklärte ihr, ich sei einfach angekommen und fühlte mich pudelwohl. Und mit meiner „Goschn“ auf gut-österreichisch habe ich ja auch einiges erreicht.

    Alles Liebe ♡

    • Danke für dein Kommentar 🙂
      Bei mir ist es ähnlich was Arbeits- und Privatleben betrifft. Und dass, was du mit deinem Azubi-Ichs schreibst kommt mir bekannt vor. Das konnte ich komischerweise erst komplett ablegen, als ich meine Arbeitsstelle gewechselt habe.

  4. Ein sehr toller Beitrag dem ich nur zupflichte.
    Ich persönlich bin ja ganz klar extrovertiert, einfach weil ich gar nicht aufhören kann zu reden und schon immer kein Problem hatte auf andere zuzugehen oder meine Meinung zu verteidigen, aber ab und an ziehe ich mich auch gerne aus der Masse zurück und genieße die Ruhe. Womit ich vielleicht doch wieder ein Mittelding bin? Ich muss nicht immer mit Mittelpunkt stehen, jedoch fragt man mich sofort, wenn ich mal nichts sage, was denn los sei? Ob ich irgendwie böse wäre? Dabei habe auch ich halt manchmal nichts zusagen. Es gibt dann auch die Fragen in die anderen Richtungen.

    Mich nervt nur, dass wir Menschen nicht einfach so lassen wie sie sind. Es ist gut wenn man extrovertiert ist, es ist aber auch gut wenn man introvertiert ist und auch, wenn man eher im mittleren Bereich unterwegs ist. Jeder Mensch ist anders und dass das heute immer noch nicht bei allen ankommt, macht mich fassungslos.

    Dankeschön für dein liebes Kommentar Anna,
    dann freue ich mich ja umso mehr, dass ein Film dabei war und bin schon gespannt, wie dir Greta gefällt. The Conjuring finde ich ja auch klasse und freue mich da schon sowas von auf Teil 3. Für mich aktuell die besten Horrorfilme auf dem Markt, weil die so viele schöne Schockmomente haben.

    • Danke dir! 🙂
      Das kenne ich aber auch, dass mich meine Freunde oder mein Freund fragen, was los sei, wenn ich mal still bin. Unter Freunden bin ich wohl eher auch extrovertiert, bzw oft wohl auch dieses Mittelding. Dabei muss man halt nicht immer etwas sagen 🙂

      Und mich nervt es auch extrem, dass immer geurteilt wird. Mal ist man zu still, dann ist man zu laut…

      Ich werde dir auf jeden Fall mal berichten wie ich ihn fand. 🙂

  5. Danke für diesen tollen Post, liebe Anna! Ich kann das geschriebene so gut nachvollziehen, denn mir ist es schon oft genau so ergangen.
    Ich finde es so schade, dass „ruhige“ Menschen oftmals übergangen werden, denn wer sagt denn, dass diese weniger drauf haben als andere?
    Liebe Grüße,
    Alina von https://aphotojournal.de/

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