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Kolumne: Dating Stories Teil 2

Frühling 2018. Meine Handyuhr zeigt 02:45. Ich schaue zu ihm rüber. Er unterhält sich, hat keine Augen für mich. Ich schaue zum Ausgang, schaue noch einmal zu ihm und kämpfe mich schließlich durch die Menschenmasse in Richtung Ausgang. Ich weiß nicht, warum ich mich von ihm zu diesem Abend überreden lassen habe. Ich habe weder Lust auf ihn, noch fühle ich mich in seiner Gegenwart besonders wohl. „Willst du schon gehen?“, fragt T. mich, welchen ich wenige Stunden zuvor flüchtig kennengelernt habe und nun am Ausgang lehnt. „Ja ist spät genug. Machs gut!“ Mit diesen Worten lasse ich ihn stehen und quetsche mich ins Freie.

Ich gehe mit schnellen Schritten die Große Freiheit hinauf, vorbei am Indra, wo es etwas ruhiger wird. Mir ist nicht nach dem ganzen Trubel der feiernden Masse, weshalb ich mich dafür entschieden habe, die ruhigeren Hinterstraßen zu benutzen. „Hey, Anna! Ich will dir einen Vorschlag machen!“, ruft jemand hinter mir her. Ich stutze und drehe mich um. T. kommt mit schnellen Schritten auf mich zu. Ich schaue ihn nur verwundert an. Bin in dem Moment zu keiner Antwort fähig. „Wir könnten auch woanders hingehen oder vielleicht zu mir. Ist das ein Deal?“, schlägt er schließlich mit einem überheblichem Grinsen vor. „Wir könnten es auch so machen, dass du wieder zurückgehst und ich einfach nach Hause. Deal?“, sage ich bestimmend und ärgere mich etwas über seinen letzten Vorschlag. T. fährt sich durch seine Haare. „Okay, aber kann ich dich wenigstens noch zur Bahn bringen? Es gibt durchaus Ecken, die sicherer sind.“ Ich schaue ihn einen Moment an, bis ich schließlich zustimme. „Trotzdem gehe ich ein Risiko ein, indem ich mit dir hier langgehe. Woher soll ich wissen, dass du kein Psychopath bist und mich hier gleich tötest?“, sage ich völlig ernst.





Das war der Startschuss. Wir kommen so langsam ins Gespräch. Er erzählt mir etwas von sich, um mir meine Bedenken, er sei ein Psychopath, zu nehmen. Er ist älter als ich, Helenefischer Fan, Selbstständig und Partyraucher. „Willst du mir erzählen, warum du geflüchtet bist?“, fragt T. mich schließlich nach einer Weile des Schweigens. Er zündet sich eine Zigarette an, reicht sie an mich weiter und zündet sich gleich die zweite an. „Ehrlich gesagt können wir über alles reden, aber nicht darüber, warum ich gegangen bin.“ Er nickt. Ich scheine sein Verständnis zu haben. Und ich weiß nicht, ob es an dem ganzen Bier, was ich den Abend über hatte liegt, aber T. wird mir von Minute zu Minute sympathischer.

Wir stehen auf der anderen Straßenseite vom Bahneingang. Wir sind fast wieder nüchtern und unsere Gespräche sind nicht mehr so oberflächlich wie anfangs. „Bist du müde? Gerade habe ich das Gefühl, dass diese Nacht noch ein bisschen länger so gehen könnte“, gebe ich zu. Der Spaziergang tat ganz gut und irgendwie auch seine Gegenwart. „Wenn du willst können wir noch zum Hafen runter, oder halt zur Schanze hoch“, schlägt er vor. „Erst das eine, dann das andere?“
T. stimmt zu.

Wir holen uns noch ein Weg – Bier und schlendern die Straße zum Hafen herunter, wo wir uns ans Wasser setzen. Wir holen uns noch ein weiteres Bier und rauchen noch eine. Er zieht sein Handy aus der Tasche. Ich denke zuerst, dass er jetzt beginnt über WhatsApp zu schreiben und somit den Moment ruinieren würde, stattdessen fragt er mich, ob ich einen Musikwunsch hätte. „Everglow von Coldplay“, schießt es aus mir heraus. „Wow, und ich hätte jetzt gedacht du stehst auf etwas härteres“ , gibt er verwundert zurück.

„Tue ich auch, aber auf sowas halt auch.“ Kein Song hätte jetzt besser gepasst. Er legt ein Arm um mich und ich lehne mich an seine Schulter. Sein Pullover riecht nach Parfüm und Nikotin. Jeder geht seinen Gedanken nach. Hamburg kommt mir so friedlich vor. Es scheint fast windstill zu sein. Die Lichter des Hafens spiegeln sich im Wasser. Nur vereinzelt laufen Menschen an uns vorbei. Sonst scheint die Zeit für einen Moment stillzustehen.

Es wird bereits hell. Wie geplant sind wir vom Hafen wieder hoch zur Sternschanze gelaufen. Meine Augen sind inzwischen schwer vor Müdigkeit. Es ist aber eine angenehme Müdikgeit. In mir drin habe ich plötzlich ein kleines Gefühl von Zufrieden – und Freiheit, welches ich schon seit längerem nicht mehr gefühlt habe. Und es fühlt sich gut an. „Ich hoffe, dass ich deinen Abend etwas retten konnte“, sagt T. mit einem leichten Grinsen. Ich nicke, „Das hast du.“

„Und vorhin, dass mit dem, dass du mit zu mir kommen sollst, dass war dumm.“ Ich lache nur. Ein ja kann ich mir an dieser Stelle sparen. Wir beide wissen, dass es so ist. Ich rücke etwas von ihm ab und sage etwas zögerlich: „Danke noch einmal für den Abend.“ Bevor ich mich umdrehen und gehen kann, hält er mich wieder an der Schulter fest. Er versucht mich mit seinem Blick zu fragen, ob es okay ist, was er jetzt vorhat. Ich grinse und Sekunden später berühren seine Lippen meine.

19 Kommentare

  1. Liebe Anna – wie schön, dass deine Dating Stories weitergehen, und wieder hast einen ganz tollen Beitrag geschaffen. Interessant zu lesen und mitzufühlen – ein Ereignis, wie es sich immer mal zutragen kann und doch so spannend und mitreißend beschrieben. Mach weiter so!
    Hab ein wunderbares Wochenende und alles Liebe

  2. Eva

    Ich finde sie so schön und ehrlich, deine Stories.
    Danke, dass du uns ein bisschen mitfiebern lässt, wärs ein Buch – es würde bereits auf meinem Nachtisch liegen. Alles Liebe ♡

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