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Kolumne: Dating Stories Teil 1

Mai 2018. Die U-Bahn hält eine Station nach dem Hauptbahnhof. Er steigt ein. Er bleibt an der Tür stehen.

Unsere Blicke streifen sich einmal flüchtig. An der nächsten Station steigen viele Leute aus und die zwei Plätze gegenüber von mir werden frei. Er setzt sich gegenüber von mir.

Unsere Blicke streifen sich erneut. Gegenüber auf dem Vierer sitzt eine Mutter mit ihrer geschätzt 16-jährigen Tochter. Offensichtlich Touristen. Sie unterhalten sich wie aus Mitten im Leben. Ich nehme meine Kopfhörer aus den Ohren, damit ich ihr schon amüsantes Gespräch besser lauschen kann. Ein paar Mal entweicht mir ein Grinsen. Ihm auch. Unsere Blicke treffen sich des Öfteren. Am Hafen steigt die kleine Familie aus. „Schon lustig, wie sich manche Menschen unterhalten“, sagt er recht amüsiert. „Durchaus.“ Ich muss lachen und er verwickelt mich in ein ziemlich angenehmes Gespräch. Er ist Tischler, kommt aus Flensburg, geht aber den Sommer über nach Norwegen.
Er wohnt hier nur vorübergehend bei seinem Vater, da er ein paar Aufträge in Hamburg hat. „Wo musst du raus?“ „Eppendorfer Baum“, antwortet er mir. „Ach, cool, da kann ich auch aussteigen. Es macht quasi keinen Unterschied, ob ich an der Hohen Luftbrücke oder am Baum aussteige“, gebe ich zu.Wir bleiben automatisch unten vorm Bahn Ein- und Ausgang stehen und rauchen noch eine. Es ist ein Donnerstag, Ende Mai, irgendwas nach 20 Uhr und die Hitze vom Tag liegt noch schwer in der Luft. Wir haben beide noch ein bisschen Zeit und schlendern die Straße herunter, um uns ans Wasser zu setzen.
Ich erzähle ihm, dass ich Umziehen muss und er schlägt vor mir eine Küche zu bauen. Wir merken beide wie bescheuert dieser Satz war und müssen lachen. Er raucht noch eine und ich bemerke, wie ruhig und friedlich die Stadt sein kann. Wie schön dieser beginnende Sommer ist. „Vielleicht eine total dumme Frage, aber sitzt du jeden Abend mit einem fremden Mädchen am Wasser?“ Er muss lachen und schüttelt den Kopf. „Ehrlich gesagt mache ich das gerade zum ersten Mal.“ Ich nicke. Ich auch. Ich sage es ihm aber nicht.

Wir reden über Dinge, über die ich mit einem quasi fremden Menschen nie gesprochen hätte. Über solche Dinge, die einem noch ein paar Wochen später durch den Kopf gehen. Es gibt kein peinliches Schweigen und es ist beinahe so, als ob ich ihn schon viel länger kenne. Die Minuten rasen. Ich muss gehen. Ich muss morgen Arbeiten. Das spürt er, steht auf und hilft mir auf die Beine. Wir schlendern langsam zurück zur Bahnstation, wo wir in getrennte Richtungen müssen. Wir rauchen noch eine und ziehen somit den Abschied etwas hinaus.
Ich habe seine Frage, ob wir Nummern austauschen wollen verneint. Ich will das hier, wie es passiert ist, genau so in Erinnerung behalten. Er geht in ein paar Wochen nach Norwegen. Wieso soll man etwas aufrecht erhalten, was nie da war? „Wäre schön, wenn man sich nochmal sieht“, sagt er mit einem Lächeln. Ich bejahe dies. Gleichzeitig wissen wir, dass dies nicht der Fall sein wird. Trotzdem steige ich die nächsten Wochen immer am Eppendorfer Baum aus. Instinktiv. Und vielleicht deshalb, weil ich mir vorstellen könnte, ihn doch noch einmal zu treffen. Natürlich war dies nie der Fall.

12 Kommentare

  1. Ein sehr schöner Text und hört sich an, als hättest du eine schöne Zeit gehabt. Ich finde es ja super, wenn man andere noch im echten Leben kennenlernt. Online Dating ist nicht unbedingt meine Welt, vor allem da solche Treffen so viel mehr Charme haben :D. Schade, dass du dann keine Nummer mit getauscht hast, kann deinen Beweggrund aber verstehen.

    Dankeschön für dein liebes Kommentar Anna,
    aktuell binge ich ja noch etwas, vor allem da es die letzten Tage bei uns geregnet hat ohne Ende. Perfektes Serienwetter, aber im Sommer wird sich das ändern :D.

    Musst du unbedingt. Dark ist echt super, halt sehr komplex und nichts für nebenbei, aber wirklich sehenswert.

  2. Wow – das hast du aber wunderschön geschrieben. Es ist doch wirklich im Leben oft so, dass die schönsten Geschichten in den alltäglichen Situationen spielen, so wie bei deinem Text eben in der U-Bahn. Etwas, das man täglich und immer wieder macht und plötzlich wird daraus etwas Besonderes. Ein Text, der zum Träumen einlädt. Da er die Nummer 1 trägt, gehe ich davon aus, dass wir noch weitere Geschichte lesen dürfen und bin schon ganz gespannt darauf.
    Hab einen ganz wunderbaren Tag und alles Liebe

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